14. Februar 2020

 

"Wir waren wie eine grosse Familie"

Hortensia Wicki lebt seit drei Jahren im Zunacher 1. Bis zu ihrer Pensionierung hat sie zwölf Jahre im Altersheim Grossfeld gearbeitet. Sie erzählt uns von dieser Zeit, von den schönen, aber auch von schwierigen Erlebnissen.

Text: Bruno Barmettler     

Als ich Hortensia Wicki in ihrem Zimmer besuche, wartet sie bereits auf mich. Sie sitzt in einem bequemen Fauteuil und für mich hat sie einen nicht minder bequemen Stuhl bereitgestellt. Das ist typisch für sie, immer alles gut vorbereitet. Ich kenne Frau Wicki bereits von früher, als ich als junger Pfleger von Ende 1984 bis Mitte 1986 im Grossfeld gearbeitet hatte. Hortensia Wicki war für mich jemand, der über alles Bescheid wusste und immer weiterhelfen konnte. Also ein regelrechtes wandelndes Lexikon, das über alle betrieblichen Fragen im Grossfeld Bescheid wusste oder zumindest sagen konnte, an wen man sich wenden soll.

Der erste Eindruck

Hortensia Wicki erzählt mir, wie sie zum Grossfeld kam. Sie hatte vorher in den Unternehmen Tuch AG und Galenica gearbeitet. Das waren gute Stellen, wie sie mir sagt. Als sie fünfzig Jahre alt war, entstanden mit ihrem Vorgesetzten immer mehr Probleme. Dieser hatte wohl ein gesundheitliches Problem, das sich negativ auf die Zusammenarbeit übertrug. So entschloss sich Hortensia Wicki, nochmals eine neue Stelle zu suchen. Auf ein erstes Inserat im Altersheim Grossfeld meldete sie sich noch nicht, erst auf das zweite. Es folgte ein Vorstellungsgespräch mit dem Personalchef Franz Amrein. Sie entschloss sich anschliessend, einfach mal unangemeldet im Grossfeld vorbei zu gehen und erste Eindrücke zu sammeln. Diese waren nicht nur positiv. So sah der Empfang etwas «unappetitlich» aus, wie es Hortensia Wicki ausdrückt. Im kleinen Büro, das zum Empfang gehörte, arbeitete eine Frau mit Überschürze und Überärmeln, also noch so richtig alte Schule. Hortensia Wicki war sofort klar, dass dieses Büro erst einmal gereinigt werden musste. Jedenfalls kam es trotzdem zu einer Anstellung und Hortensia Wicki konnte zügig starten. Die Anstellung dauerte von 1980 bis 1992.

Ein Neustart mit Überraschungen

Hortensia Wicki wurde vom Gemeinderat Heller ins Grossfeld begleitet, geplant war ein Rundgang durchs Haus. Dazu kam es nicht, denn Gemeinderat Heller erlitt einen Hirnschlag und musste sofort ins Spital gebracht werden. So stand Hortensia Wicki alleine da. Also ging sie ins Büro und stellte sich vor. Die Einführung dauerte drei Tage, bis ihre Vorgängerin wegging. Als erstes wurde das Büro gereinigt. Hortensia Wicki legte dabei auch selber Hand an und putzte alle Schränke. Später kam Gemeinderat Schnüriger vorbei und erkundigte, was sie noch alles bräuchte. Mit ihren Aufgaben ging es auch zügig vorwärts. Per Ende Monat waren die Heimrechnungen für die Bewohner zu schreiben. Und dann passierte etwas, was Hortensia Wicki nicht erwartet hatte. Es kamen Bewohner vorbei und fragten, warum sie den Einzahlungsschein für die Heimrechnung nicht ausgefüllt hätte. Sie waren sich das von der Vorgängerin offensichtlich so gewohnt. Bei anderen Bewohnern musste sie auch noch das Postbüechli ausfüllen. Hortensia Wicki notierte sich diese Aufgaben alle fein säuberlich und erledigte sie zukünftig.

Die AHV im Lohnsäckli

Ein besonderer Moment war auch, als der Postbeamte mit der AHV ins Heim kam. Er hatte das ganze Geld für die vielen Bewohner in einem schwarzen Sack. Es war die Aufgabe von Hortensia Wicki, das Geld nach Vorlage auf die einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner aufzuteilen. Das ging auf den Rappen genau auf. Die AHV-Rente wurde in eine Art Lohnsäckli gesteckt. Frau Wicki musste bei der Abgabe der Renten alles in ein Buch notieren und die Bewohner mussten unterschreiben. Diese bewahrten das Geld in ihrem Zimmer auf. Niemand brachte es auf die Bank. Dieser traute man nicht so richtig.

Von schönen und schwierigen Zeiten

Gemeinderat Heller konnte sein Amt leider nicht mehr weiter versehen und es wurde ein neuer Gemeinderat gewählt: Walter Gloor. Er schenkte Hortensia Wicki schon bald das Vertrauen und sagte ihr, sie solle so weiter machen wie gewohnt, er habe keine Reklamationen über sie erhalten. Sie hatte somit einen grossen Freiraum bei ihrer Tätigkeit. Hortensia Wicki pflegte auch sonst ein sehr gutes Verhältnis zum Personal. «Wir waren wie eine grosse Familie», schwärmt sie von dieser Zeit. Manchmal unternahm man sogar am Abend etwas gemeinsam. Oberschwester war damals noch Klärli Fries. Nachdem diese die hauseigene Apotheke eröffnet hatte, gingen diese Aufgaben an Margrith Achermann über. Es gab auch weniger schöne Ereignisse. So verstarb einmal eine Bewohnerin im Eingangsbereich vor ihren Augen. Ein anderes Mal kritisierte sie den Küchenchef wegen seiner unvorteilhaften Farbwahl bei der Menügestaltung, was dieser natürlich nicht gerne hörte.

Der Besuch des Gallipaars

Die schönen Ereignisse haben aber deutlich überwogen. So war die Fasnacht mit dem Besuch des Gallipaars jedes Mal ein Grossanlass. Das Personal und sogar die Schwester Oberin verkleideten sich und machten beim fasnächtlichen Treiben wacker mit.

«Für die Fasnacht wurde jeweils
eifrig dekoriert und alles für den Besuch des Gallipaars
auf Hochglanz gebracht.»

Gemeinderat Gloor und seine Frau Liliana waren bei solchen Anlässen immer dabei. Auch Hortensia Wicki stürzte sich in Robe und machte gerne mit. Überhaupt genoss man die Fasnacht ordentlich. Nach dem Besuch im Grossfeld ging der ganze Tross ins Kleinfeld, wo Klärli und Seppi Küng bereits mit dem Nachtmahl auf sie warteten. Dort zog sich der Anlass dann bis gegen Morgen hin.

Ein Versprecher

Wichtig im Alltag und in der Pflege im Grossfeld waren die Meraner Schwestern. Sie hatten einen eigenen Trakt im Seitenflügel, pflegten dort und in der Hauskapelle ihr geistiges Leben und waren ein tragendes Element für die Pflege- und Betreuungsqualität. Die Messe wurde von externen Priestern gefeiert. Einmal kam Pater Karl vorbei. Da passierte Hortensia Wicki ein folgenschwerer Versprecher, sie begrüsste ihn als «Kater» Paul, was natürlich ein riesiges Gelächter auslöste. Böse Zungen würden diesen Versprecher vielleicht als einen «freudschen Versprecher» bezeichnen.

Vielfältiges Arbeitsgebiet

Neben den Heimrechnungen bediente Hortensia Wicki die Telefonanlage, verrechnete die Wäsche und Medikamente individuell, zahlte wie gesagt die AHV aus und verteilte die Post. Vor allem beim Verteilen der Post kam sie mit allen Bewohnern in Kontakt und man kann sagen, dass sie alle kannte. Auch hatte sie beachtliche Geldbeträge und Schmuck in ihrem Kassenschrank. Manchmal musste sie sogar bei der Räumung von Bewohnerzimmern mithelfen. Auch hatte sie bis zu acht Mündel im Heim zu betreuen.

Und zu guter Letzt hat sie den Sohn einer Bewohnerin kennen gelernt, mit dem sie eine lebenslange Partnerschaft einging. «Ja, das war eine schöne Zeit im Grossfeld» sagt Hortensia Wicki und dabei leuchten ihre Augen.

Bild: Hortensia Wicki